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PISA-PILGERFAHRT IN DIE SKANDINAVISCHEN WUNDERLÄNDER FINNLAND UND SCHWEDEN

Dr. Paul Schwarz

Warum tut Schule gut? Warum sind wir schulisch so viel schlechter als die Nordeuropäer? Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn hat sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus den Bundesländern auf die Suche nach Antworten begeben.

Mit dabei eine Handvoll Experten und Journalisten, auch Dr. Paul Schwarz, Pädagoge und Bildungsjournalist aus Rheinland-Pfalz. Von ihm stammen die folgenden Eindrücke.

 

Mathematikunterricht an der Meri-Rastilan ala-aste Gesamtschule in der an sozialen Problemen nicht eben armen Gemeinde Vuosaari östlich von Helsinki. Bruchrechnen. Die Lehrerin schreibt „1/2“ an die Tafel. Die 25 Schüler der 3. Klasse suchen ihre Zahlenkärtchen und zeigen gleichwertige Brüche hoch: 3/6, 4/8. Die Mädchen und Jungen schauen sich ihre Vorschläge an und korrigieren sich gegenseitig, ziemlich geräuschlos und unaufgeregt. Anschließend löst sich die Klasse auf, Stühle werden gerückt, auch das ohne Lärm und Hektik. Zwei, drei sitzen nun zusammen und unterhalten sich, wo mathematische Brüche im Leben draußen einen Rolle spielen. Eine zweite Lehrerin mischt sich ein, wo es nötig erscheint. Sie nennt sich „Individuallehrerin“ oder „Schulassistentin“und hat eine eigene Ausbildung. Sie unterstützt die Kinder in der Kleingruppe oder bei der Einzelarbeit, sie nimmt sich besonders der schwächeren Schüler an.


Ein Stockwert tiefer: Geschichte. Die 5. und 6. Klasse beschäftigt sich zwei Wochen lang mit dem Mittelalter. Nach einer frontalen Einführungsphase der Lehrerin notierten alle die möglichen Aspekte des Themas, planten gemeinsam und holten sich allein. zu zweit oder zu dritt Informationen aus dem Internet, in der eigenen oder nahegelegenen Bibliothek, von denen es sehr viele in Finnland gibt. Ein Grund für die führende Lesekompetenz der Finnen. Jede Bücherei verfügt über einen Bibliothekspädagogen, der für die Präsenz der Bibliothek in den Schulen sorgt. Ein weiterer Grund für die finnische Lesestärke: Die Untertitelung ausländischer Filme in der Heimatsprache. Auch deswegen liegen die Finnen bei der Pisa-Studie auf Platz 1, die Deutschen aber nur auf Platz 21 von 31.
Zurück zum Geschichtsunterricht. Gruppenweise oder auch allein lernen die Kinder arbeitsteilig, was sie interessiert und worüber sie sich kundig gemacht haben. Yasmäa und Eeva kneten König, Königin, Hofschranzen und das königliche Ambiente. Lara komponiert einen Rap-Song über die Art, wie Fürsten mit einfachen Leuten umgegangen sind, Brigitta schreibt ein Tagebuch über das höfische Leben. Im hinteren Teil des Raumes sitzen drei Jungen auf dem Boden und basteln eine Burg.


Alle lernen in der Gesamtschule drei Fremdsprachen


Die Augen der deutschen Besucher glänzen. Staunend gehen sie durch diese Gesamtschule: Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und die Ministerinnen und Minister aus Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Bremen, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern. Doris Ahnen freut sich, wie viel Spaß Schule machen kann. Helle, lichtdurchflutete Räume. Schulflure mit Fenstern, an denen man sich ungeniert die Nase platt drücken darf, durch die man in jede Klasse schauen kann. Ich habe mich aus der Besuchergruppe gelöst und streune durch die Schule, stehe in Klassen. Kein Hausmeister und kein Schulleiter weisen mich zurecht oder pfeifen mich zurück. Nirgends Schmutz oder Schmierereien. Unten am Eingang wurden von Schülern und Lehrern am frühen Morgen die Straßenschuhe in Regale gestellt und in kuschelige Schulschuhe geschlüpft. Berlins Bildungssenator Klaus Böger ist hin und weg. „Da kann man vom Fußboden essen. Wenn Schulen aussehen wie Dreckställe, kann man nicht erwarten, dass die Bildungseinrichtungen ein gesellschaftlich anerkannter Ort des Wohlfühlens für Lehrer und Schüler wird.“


Die Englischlehrerin kommt in die Geschichtsklasse, um eine halbe Stunde dem Unterricht beizuwohnen, bevor sie mit der Fremdsprache beginnt. Alle lernen in der Gesamtschule drei Fremdsprachen. Es beginnt mit Englisch in der 3. Klasse, Schwedisch kommt hinzu. Gerne gewählt werden auch Französisch und Russisch, Deutsch ist stark rückläufig. Das weitere Lernpensum: Finnisch und Literatur, Umweltlehre, Gemeinschaftskunde, Religion oder Ethik, Geschichte, Gesellschafskunde, Physik, Mathematik, Chemie, Biologie, Geographie, Sport, Musik, Kunsterziehung sowie Handarbeit und Hauswirtschaftslehre für Mädchen und Jungen.
Wir verlassen das Geschichtsprojekt und gehen ein paar Meter weiter. Eva aus Kurdistan und drei weitere ausländische Kinder lernen Finnisch am Computer, mit Buch und Heft, besonders intensiv zweimal in der Woche jeweils 90 Minuten, sonst in der Klasse mit den Inländern. „Auf den Anfang kommt es an“, lautet die Lektion aus Finnland. Die deutschen Besucher sehen spezielle Klassen mit nur einer Handvoll Kinder aus Russland, Afrika oder Asien. Ihre Lehrerinnen und Lehrer verfügen über ein dickes Repertoire an Spielen, Lernübungen und einer ansteckenden Begeisterung. Eine Lehrerin berichtet, wie stolz sie auf ihre Schüler sei, die es meistens bereits nach einem Monat in der Förderklasse schafften, dem regulären Unterricht zu folgen. Auch in normalen Klassen ist die Betreuung vorbildlich. Bis zu zwei Vorschullehrer und eine Assistentin unterrichten eine Klasse. Fast 5 000 Dollar ist den Finnen im Jahr ein Grundschüler wert, den Deutschen nur 3 531 Dollar. Später, in der Oberstufe, kehrt sich das Verhältnis um. Dort werden die finnischen Schulen billiger als die deutschen. Die Klassenstärke ist sehr unterschiedlich. In Fördergruppen werden oft 3-4 Schüler unterrichtet. Klassenstärken zwischen 22 und 28 gelten als normal, aber 30-40 Schüler in einer Gruppe u.a. in der gymnasialen Oberststufe sind keine Seltenheit. Zur Unterstützung der Muttersprache gibt es in manchen Klassen z.B. einen Lehrer aus Somalia, der sich neben der finnischen Lehrerin um die somalischen Kinder kümmert, von denen es hier in diesem Stadtteil Helsinkis besonders viele gibt. Ansonsten liegt die Zahl der ausländischen Kinder an finnischen Schulen bei ein und zwei Prozent. Sie haben das Recht auf Unterricht in ihrer Muttersprache, und zwar landesweit unabhängig von ihrem Wohnort. Er wird in ein oder zwei Stunden wöchentlich erteilt. Migrantenkinder lernen bereits in einem sog. Schulvorbereitungsunterricht Schreiben und Lesen in der finnischen Sprache, bevor sie mit finnischen Schülern unterrichtet werden.


Alle besuchen gemeinsam neun Jahre lang die Gesamtschule

Reisen bildet. Auf ihrer Pilgerreise in den hohen Norden Europas lernen die Ministerinnen und Minister in den finnischen und schwedischen Schulen, an den Universitäten, Lehrerausbildungsstätten sowie in Schulbehörden eine ganze Menge: Das Bildungsministerium ist die oberste schulische Instanz in Finnland. Das „Zentralamt für Unterrichtswesen“ ist eine Fachbehörde, die für die Entwicklung der Bildungsziele-, -inhalte und -methoden in des Gesamtschule, gymnasialen Oberstufe, beruflichen Ausbildung und Erwachsenenbildung zuständig ist.

Alle finnischen Mädchen und Jungen besuchen neun Jahre lang die Gesamtschule, eins bis sechs die Grundstufe und dann bis zur neunten Klasse die Mittelstufe. Vor 30 Jahren wurde die Einheitsschule in Finnland eingeführt. Der stellvertretende Bürgermeister von Helsinki, Ilkka Christian Björklund: „Die Gesamtschule beruht auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens. Darüber gibt es bei uns keinen Streit mehr“, und lächelnd fährt er in gutem Deutsch fort: „Das finnische Bildungssystem wurde nach dem deutschen aufgebaut. Unsere guten Erfahrungen wollen wir jetzt an sie weitergeben.“ Der Lehrling wurde zum Meister. Steffen Reiche, Schulminister in Brandenburg und ehemaliger Pastor, gläubig und voller Hoffnung: „Die letzten werden die ersten sein“.


Die Schulpflicht beginnt mit sieben, die Teilnahme am Vorschulunterricht der Sechsjährigen ist freiwillig. Er wird in den Kindergärten oder in Vorschulklassen der Gesamtschule angeboten, nicht selten auch altersgemischt wie in Schweden, wo Gruppen mit Vorschul- und Schulkindern gebildet werden, nicht nach Alter, sondern nach Fähigkeit und sozialer Reife. Vorschulunterricht ist systematischer Unterricht. In allen skandinavischen Ländern ist die Vorschule heute das wichtigste Thema. Fast 100 Prozent der Kinder besuchen inzwischen die freiwillige Vorschulklasse. Vorher gibt es Kindergärten, in denen durchweg akademisch ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher arbeiten wie (mit Ausnahme von Deutschland und Österreich) überall in Europa. Wenn Rektor Curt Ohlsson von der Skytteholm-Schule in Solna bei Stockholm erzählt, bekommt man eine Ahnung davon, wie ein Rädchen ins andere greifen kann: Beim Übergang von der Vorschule in die Basisschule dokumentieren Erzieher und Lehrer den kognitiven Stand jedes Kindes.
Auf einem „Handlungsplan“ trägt jedes Mädchen, jeder Junge einmal pro Schulhalbjahr ein: Was habe ich geschafft, was will ich verbessern, was muss ich nacharbeiten? Lehrer und Eltern kommentieren auf den Blättern ihre Sicht der Dinge, beschreiben Ziele, die erreicht werden sollen. Zweimal im Jahr bitten Schulen in Schweden Väter und Mütter zu „Entwicklungsgesprächen“. Und plötzlich verstehen auch Eltern besser, wie Schule funktioniert. Damit zu tun hat sicher die im Vergleich zu Deutschland sehr hohe gesellschaftliche Stellung der Lehrer im Land. Die Grundlagen des Unterrichtsplans für den Vorschulunterricht zielen auf die Individualität des Kindes sowie auf die Bedeutung des aktiven Lernens und der Gruppenarbeit, sagt Jukka Sarjala, Direktor des Zentralamts. Der Unterrichtsplan enthält keine Untergliederung in einzelne Fächer oder Unterrichtsstunden, jedoch gibt er verschiedene Themenbereiche vor wie Sprache und Interaktion, Mathematik, Ethik und Philosophie, Umwelt und Natur, Gesundheit, physische und motorische Entwicklung sowie Kunst und Kultur. Gesteigerten Wert legen die Finnen auf die Fähigkeit, in einer Gruppe zu arbeiten. Der Entwicklung des Gefühlslebens sowie der sozialen und kognitiven Fähigkeiten des Kindes widmet man sich viel Zeit, vor allem am Nachmittag der Ganztagsschule, deren Betreuungsteil z.T. schon um 6.30 beginnt und um 18.00 Uhr endet.


Zu jeder finnischen Schule gehört selbstverständlich eine Schulküche mit festem Personal und einer Mensa. Ebenso selbstverständlich für jede Schule ist die kostenlose zahnärztliche Versorgung mindestens bis zum 16. Lebensjahr. Zum Schulalltag gehören der schulinterne Service einer Krankenschwester. Ein Schularzt ist in jeder Schule mindestens an ein oder zwei Tagen anwesend. Sonderschulen gibt es nicht. Zu jeder Schule gehört ein Team von Speziallehrern mit einer sonderpädagogischen Ausbildung, gehören Sprachtherapeuten und Psychologen, die sich um Kinder mit Schwierigkeiten kümmern. „Wenn wir nicht früh fördern, werden die Sozialkosten später um so höher“, sagt die zuständige Referentin im Zentralamt. Dazu kommt die Arbeit einer Schullaufbahnberaterin oder eines Schullaufbahnberaters, die von einer Lehrerin oder einem Lehrer mit spezieller Weiterbildung häufig als Vollzeitbeschäftigung übernommen wird. Dazu kommt ein Kurator, der sich im Auftrag der Kommunen um soziale Belange kümmert und in Konfliktfällen die Brücke zu den Eltern schlägt. Wie viele Speziallehrer vorhanden sind, hängt von der finanziellen Lage der Kommune ab, die Schulträger ist und die Lehrer, die in Finnland und Schweden nicht verbeamtet sind, einstellt und entlässt.

„Wir können es uns nicht erlauben, Kinder zweimal das gleiche lernen zu lassen“

Für Rainer Dobisch, den deutschen Fachberater in Helsinki, heißt der entscheidende Unterschied zwischen Finnland und Deutschland: Fördern statt auslesen. Die ersten neuen Schuljahre sind entscheidend, und sie sind in Finnland beispielhaft. Gleitender Übergang von der Vorschule, ein Ganztagsschulbetrieb mit einem stark rhythmisierten Angebot, weg vom 45 Minuten-Takt mit Unterricht, Mittagessen, Musik, Freizeitgestaltung und sozialem Engagement über den Tag fein dosiert. Eine Lehrerin: „Das Mittagessen bringt Ruhe in die Schule“.


Die finnische und schwedische Gesamtschule kennt keine Leistungsniveaukurse. In den ersten Jahren wird der Unterricht gewöhnlich vom Klassenlehrer gegeben, der alle oder zumindest die meisten Fächer unterrichtet. In den letzten drei Jahren erteilt der Fachlehrer Unterricht in einzelnen Fächer. „Das Kind steht bei uns im Mittelpunkt“ bekommen die deutschen Besucher immer wieder zu hören. „Jedes Kind ist anders, darauf müssen wir eingehen“, meint eine Schulleiterin. Von Gleichmacherei ist hier nichts zu spüren. Die Individualisierung kann so weit gehen, dass Kinder auf sie zugeschnittene Lehrpläne erhalten etwa beim Spezialunterricht für Fächer, in denen sie schwach sind. Früher, als Finnland noch mit einem dreigliedrigen System nach deutschem Vorbild gearbeitet habe, sagt Jukka Sarjala, sei es darauf angekommen, dass Schüler ihre Lehrer verstehen. Inzwischen haben die Lehrer gelernt, ihre Schüler zu verstehen. „Ein Lehrer muss in einer Klasse mit 25 Kindern 25 verschiedene Konzepte entwickeln, das ist eigentlich alles“, sagt Sarjala schmunzelnd. Die Notengebung bewegt sich zwischen 4 (die schlechteste) und 10 (die bestes Note). In den ersten vier Schuljahren in der Gesamtschule erhalten die Kinder grundsätzlich im Zeugnis nur verbale Bewertungen. Die meisten Schulen verteilen Noten ab der fünften Klasse, häufig kombiniert mit einer verbalen Beschreibung. Grundsätzlich müssen aber Noten erst ab der 7. Klasse gegeben werden. Es kommt so gut wie nie vor, dass ein Schüler sitzen bleibt. „Wir können es uns nicht erlauben, sagt Jukka Sarjala aus dem Zentralamt, „einen Schüler zweimal das Gleiche lernen zu lassen“.
Von den 4 022 Gesamtschulen Finnlands befinden sich 58 in privater, 30 in staatlicher und der Rest in kommunaler Trägerschaft. Für die Finanzierung des Bildungswesens und des Schulbaus sind der Staat und die lokalen Behörden verantwortlich. Im Durchschnitt erhalten kommunale Schulträger 57 Prozent staatliche Zuschüsse zu den Kosten für die Schulen, andere Schulträger erhalten 10 Prozent weniger. Jukka Sarjala prangert die größer werdenden sozialen Ungleichheiten an. Ärmere Kommunen sparten bei der Schulausstattung oder bei der Lehrerfortbildung. Die Kluft wachse zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schulen. Die Schulen sind weitgehend autonom. Soviel Souveränität funktioniert nur, wenn die an der Schule Beteiligten miteinander reden. Wöchentlich zwei bis drei Stunden verbringen beispielsweise die Lehrerinnen und Lehrer in der Meri-Rastila-Schule in Teamsitzungen.
Wie verhält es sich mit der Schulaufsicht, welche Kontrollen sorgen für Verbindlichkeit? Die Finnen staunen über solch typisch deutsche Fragen. Eine Schulaufsicht gibt es nicht. Die Schulen geben sich ihr eigenes Curriculum. Nationale Lehrpläne geben nur Ziele vor, nicht die Wege. Das „Zentralamt für das Unterrichtswesen“ bietet mit seinen Fachberatern vor allem Unterstützung an. Auch die Überprüfung von Lehrbüchern entfällt in Finnland. Jede Schule arbeitet mit eigenen Materialien. „Wir entscheiden und ändern vor Ort, was uns richtig dünkt, auch mit Risiko, wir brauchen keine langen hierarchischen Wege wie in Deutschland“ berichtet stolz ein an die deutsche Schule Helsinki entsandter Lehrer aus Leipzig. Dennoch wird getestet.


Tests als Anregung, den Unterricht zu verbessern


Die Lehrer nehmen es selbstverständlich hin, dass Schulleiter und Schulbehörde die Erfolge ihrer Arbeit regelmäßig überprüfen. Die Pädagogen, so erfahren die staunenden Deutschen, empfänden die Tests nicht als Kontrolle, sondern als Anregung, ihren Unterricht noch zu verbessern.
Für die nationalen Bildungsberichte, die auch bei uns jetzt diskutiert werden, werden in Finnland und Schweden in der 5. und 9. Klasse im ganzen Land Tests geschrieben (Finnisch/Schwedisch, Englisch, Mathematik), aber nicht um die Schüler zu benoten. „Wir wollen herausfinden, wo der Schüler Schwächen hat und der Unterricht sie künftig verbessern kann“, informiert Mats Ekholm aus dem schwedischen „Zentralamt für Schule und Erwachsenenbildung“. Jedes Jahr werden 120 von den 4 000 Schulen im Land zum Vergleichstest ausgewählt. Andere dürfen sich freiwillig melden, inzwischen ca. ein Drittel, die sich jährlich evaluieren lassen. Schulen, die nicht ausgewählt werden, müssen für die Teilnahme 1 000 Euro Gebühren bezahlen. Ein Minister aus Deutschland: „Ich müsste meinen Schulen eher etwas bezahlen, damit sie sich testen lassen.“ Zur Zeit wird eine landesweite Testbank für die Gesamtschulen aufgebaut. Lehrer sollen in Zukunft von dort Tests abrufen können, um festzustellen, ob ihre Unterrichtsergebnisse den landesweit angemessenen Standards genügen. Bei den Modelltests orientiert man sich nicht an Maximal- oder Minimalleistungen, sondern allgemein am Niveau, das den Leistungen eines etwas über dem Durchschnitt liegenden Schülers entspricht, d.h. dem Niveau der Notenstufe 8.

Gymnasiale Oberstufe: Kurssystem und vier verpflichtende Prüfungen


Der Sekundarbereich II umfasst in Finnland die gymnasiale Oberstufe sowie die erste berufsqualifizierende Ausbildung, jeweils drei Jahre. Für die 16-19jährigen ist der Abschluss der Gesamtschule die Aufnahmebedingung für die gymnasiale Oberstufe, freilich muss ein bestimmter Notendurchschnitt erreicht werden. Mehr als die Hälfte (60 Prozent) eines Jahrgangs besucht die gymnasiale Oberstufe. Längst hat sich ein Oben und Unten bei der gymnasialen Oberstufenschule herausgebildet. Die Ressu-Schule im noblen Zentrum Helsinkis kann es sich leisten, nur Jugendliche mit excellentem Notendurchschnitt aufzunehmen. Das multikulturelle Tensta-Gymnasium am Rande Stockholms hingegen ist fast froh um jeden Neuen. Das Gesetz über die gymnasiale Oberstufe wurde 1998 grundlegend erneuert. Das Unterrichtsministerium erteilt die Genehmigung zur Gründung einer gymnasialen Oberstufe. Bildungsveranstalter (Schulträger) können Gemeinden, Gemeindeverbände oder private Körperschaften sein.
Die durchschnittliche Schülerzahl in der gymnasialen Oberstufe beträgt 250. Der Unterricht wird in Kursen von jeweils ca. 38 Unterrichtstunden unterteilt. Ein Schuljahr umfasst gewöhnlich fünf oder sechs Abschnitte. Für jeden Abschnitt wird ein eigener Arbeitsplan erarbeitet, in dem der Schwerpunkt auf bestimmten Fächern liegt. In der gymnasialen Oberstufe gibt es keine Jahrgangsklassen, die Zusammensetzung der Unterrichtsgruppen hängt von der individuelle Kurswahl der Schüler ab. Die Sekundarstufe II umfasst obligatorische, vertiefende und angewandte Kurse. Alle Schüler müssen die 75 Kurse absolvieren, bevor sie zur Abiturprüfung (Studentexamen) zugelassen werden. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, dass er eine ausreichende Anzahl von Kursen belegt.

Das Abitur führt zur Hochschulreife und umfasst vier verpflichtende Prüfungen in den Bereichen Muttersprache, zweite Landessprache (Schwedisch oder Finnisch), Fremdsprache sowie Mathematik oder Realien (z.B. Naturwissenschaften, Geschichte, Religion/Ethik). Außerdem kann der Prüfling noch zusätzliche fakultative Prüfungen ablegen. Die Abituraufgaben werden zentral ausgearbeitet, die Bewertung erfolgt anhand von einheitlichen Kriterien. Abiturprüfungen werden im Frühjahr und im Herbst durchgeführt. Das Abitur kann frühestens nach zwei (im 11.) und höchstens nach vier Jahren (im13. Schuljahr)abgelegt werden. 58 Prozent eines jeden Abiturientenjahrganges beginnen ein Hochschulstudium, dem eine Aufnahmeprüfung vorausgeht, an einer der 20 Universitäten oder an einer der 30 Fachhochschulen. 40 Prozent eines Jahrgangs besuchen eine berufliche Bildungseinrichtung, die in der Regel über eigene Lehrwerkstätten verfügen.

Viel Praxis und weniger Theorie in der Lehrerausbildung

Wer Lehrer werden will, muss eine Eignungsprüfung durchlaufen, bei der es im Wesentlichen um soziale und kommunikative Kompetenzen geht. Die Lehrerausbildung ist einphasig. Sie erfolgt für alle Schulstufen an der Universität. Studienabschluss für alle ist die Magisterprüfung. Die ersten eineinhalb Jahre sehen eine gemeinsame Ausbildung vor, egal in welcher Schulart später unterrichtet wird. Dann kann man sich spezialisieren. Die PH Stockholm, als einzige Lehrerausbildungsstätte nicht an der Universität angesiedelt, geht seit neuem einen Reformweg. Ihre Studierenden wechseln schon im ersten Jahr phasenweise von der Hochschule in die allgemeinbildende Schule oder zum Sozialamt, zur Polizei und zum Jugendamt, denn die Schule, so Rektor Eskil Franck, ist Teil der Gesellschaft. Wer also später unterrichten möchte, muss die Gesellschaft in jenen Bezügen kennen lernen, die für die Kinder und Jugendlichen wichtig sind. „Man fängt in der Wirklichkeit der Schule an und theoretisiert dann diese Wirklichkeit, nicht umgekehrt.“


Ein Grundschullehrer bekommt monatlich brutto etwa 2 000 Euro, ein Fachlehrer ca. 2 500 Euro. Die wöchentliche Unterrichtsverpflichtung in der Grundschule beträgt 24 Stunden. Wenn ein Lehrer mehr unterrichtet, bekommt er jede Stunde extra bezahlt. Die Unterrichtsverpflichtung für Fachlehrer liegt niedriger. Zusätzlich zu den 19 Pflichtstunden können Fachlehrer sogar bis über 30 Stunden wöchentlich unterrichten. Jede Stunde, die über das Pflichtdeputat hinausgeht, wird gesondert bezahlt. In der Regel haben die Mathematiklehrer die meisten, die Fremdsprachlehrer die wenigsten Überstunden. Außerdem werden häufig ‚Studentenlehrer’ oder Studenten beschäftigt, die je nach Angebot und Nachfrage eingestellt werden, wenn Lehrer und Stunden an den Schulen ausfallen.


„Die Schüler arbeiten selbständig“


So viele Baustellen in Deutschland - wo anfangen? Den Kontrast zwischen Finnland und Deutschland bringen Schüler und Lehrer aus der deutschen Schule Helsinki auf den Punkt. „Die Schüler arbeiten hier viel selbständiger“, betont eine Lehrerin. „So entsteht eine angenehmere Atmosphäre, die am Ende zu besseren Erfolgen führt.“ Ein 16jähriger formuliert es so: „Das, was unterrichtet wird, wird so ordentlich unterrichtet, dass es alle verstehen. Die Stoffmenge ist kleiner und wird nicht durchgerattert.“ Es gehe „lässiger“ zu, „die Lehrer stellen sich nicht über die Schüler“, die „Größeren helfen den Kleinen“. Eine Mitschülerin spricht von einem „Helfersystem“, das in diesem „Lebensraum Schule“ aufgebaut worden sei. Eine Lehrerin: „Unsere Schule ist ein Team, in dem wir etwas von uns verlangen und uns gegenseitig etwas zutrauen“.


Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn in ihrem Reisefazit: “Wir sind beeindruckt, in welchem Umfang es in Finnland und Schweden gelungen ist, allen Kindern ein optimales Lernumfeld zu bieten. Sie erhofft sich von der geplanten Ganztagsschule in Deutschland, z.B. in Rheinland-Pfalz ein individuelleres und fördernderes Lernen. Solches verspricht sie sich auch von einer größeren Eigenverantwortung der Schule .“Der Staat“, so Bulmahn, „muss sich aus der Detailsteuerung mehr zurücknehmen, den Schulen mehr Spielraum geben und sich auf ein Kerncurriculum beschränken.“ Übrigens: Der Schuletat in Finnland wurde unlängst um 20 Prozent, um 500 Millionen Euro erhöht - für die Schule, den Förderunterricht und für sonderpädagogische Maßnahmen.

Anm.: Die Hervorhebungen wurden von der Redaktion des Medienkiosks erstellt.

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Quelle: http://medienkiosk.de