Datum: 15.05.2002
Ressort: Politik
Autor: Torsten Harmsen
BERLINER ZEITUNG
BERLIN, 14. Mai. Spitzenorganisationen von Lehrern, Schülern und Eltern
haben ein "Bündnis der Verantwortung für bessere Schulen"
gegründet. Sie reagieren damit auf das schlechte Abschneiden deutscher
Schüler beim internationalen "Pisa"-Schulleistungstest, aber
auch auf die "tragischen Ereignisse von Erfurt". Die Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft (GEW), die Bundesschülervertretung und der Bundeselternrat
stellten die Initiative am Dienstag in Berlin vor.
"Wir übernehmen die Führung und sagen: Wir haben es satt!",
sagte Renate Hendricks, die Vorsitzende des Bundeselternrats. "Die Kultusminister
haben Verbesserungen für die nächsten zehn bis 15 Jahre angekündigt.
Das ist unbefriedigend. Wir müssen jetzt Verbesserungen erreichen."
Den Länderpolitikern werfen die Initiatoren vor, die Schulreform seit Jahren
aufzuschieben. Bereits vor 30 Jahren hätten Studien gezeigt, wie abgeschlagen
das deutsche Schulsystem im internationalen Vergleich sei. Die Reaktionen auf
die Pisa-Studie verliefen sich in "hektischen Debatten", sagte die
GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange. Die Kultusminister warteten gebannt auf die
Veröffentlichung der nationalen Pisa-Studie am 30. Juni, und es bestehe
die Gefahr, dass die Länderergebnisse als Munition für "bildungspolitische
Grabenkämpfe" missbraucht würden.
"Wir wollen über eine neue Bildungspolitik nachdenken - ohne Tabus,
Parteiengezänk und Verbände-Egoismus", heißt es in dem
Aufruf der Initiatoren. Das Bündnis fordert die Kultusminister auf, sich
nicht länger einem "Nationalen Bildungsbericht" und einer regelmäßigen
Überprüfung von Schulleistungen zu verschließen.
In Deutschland werde "zu früh sortiert und zu wenig gefördert",
heißt es in der Erklärung. "Wer aus Pisa den Schluss zieht,
das deutsche Bildungswesen müsse noch mehr Leistungen in noch kürzerer
Zeit bei noch besserer Auslese praktizieren, negiert die soziale Dimension dieser
Praxis", warnte Stange. Die Initiatoren fordern, die Schule zu einem "Lern-
und Lebensraum" zu machen. Sie betonen die soziale Verantwortung aller
Beteiligten an der Schule. Um sie wahrzunehmen, forderte Bundesschülersprecher
Sebastian Schlüsselburg "umfassende Beteiligungsrechte" für
Schülervertretungen. Die Elternvertreterin Renate Hendricks setzte sich
dafür ein, dass Eltern aktiver werden.
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