Pressemitteilung der Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn
Nr. 49/2003 vom 08.04.2003
Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn hat sich bei der Vorstellung der
internationalen Vergleichsstudie zu Grundschulen IGLU (Internationale
Grundschul-Lese-Untersuchung) am Dienstag in Berlin erfreut über das gute
Abschneiden Deutschlands gezeigt. "Den Lehrerinnen und Lehrern an den
Grundschulen ist ein gutes Zeugnis ausgestellt worden." Nach den Daten
der
Studie erreichen die Schülerinnen und Schüler am Ende der vierten
Jahrgangsstufe in Deutschland gemeinsam ein, in Europa, vergleichbar hohes
Kompetenzniveau in allen Bereichen. Besonders gut schneiden sie bei den
Naturwissenschaften ab.
Die IGLU - Studie mache allerdings auch deutlich, dass bei der Entscheidung
über die weiterführende Schule, das Bildungssystem den tatsächlichen
Kompetenzen der Kinder nicht gerecht werde, sagte Bulmahn. Es werde
deutlich, dass die Auslese der Kinder nach Klasse 4 sich stark nach der
sozialen Herkunft richte. "Die IGLU-Studie legt hier den Finger in die
Wunde." Nur mit nationalen schulformübergreifenden Bildungsstandards
über
die Kompetenzen der Schüler könne eine gerechte Schulkarriere für
alle
gesichert werden, sagte Bulmahn.
"Darüber hinaus müssen wir uns nach IGLU die Frage stellen,
was eigentlich
mit unseren Schülern in den Sekundarstufen I und II geschieht. Andere
Länder, die bei IGLU einen ähnlich hohen Leistungssockel bei den
zehnjährigen Schülern vorweisen, gelinge es diese Leistungen der Kinder
zu
verbessern und weiter zu entwickeln. "Bei uns geschieht das genaue
Gegenteil", sagte Bulmahn. "In Deutschland werden Schwächen von
Schülern in
der Sekundarstufe I nicht verringert sondern verstärkt."
Bundesministerin Bulmahn erklärte, dass es in erster Linie jetzt um eine
Reform des Unterrichts gehe: "Wir brauchen den Wechsel von einem
selektierendem zu einem stärker fördernden Schulsystem." Dazu
gehörten vor
allem schulformübergreifende Bildungsstandards, der Ausbau von
Ganztagsschulangeboten auf der Basis ganzheitlicher pädagogischer Konzepte
sowie eine bessere pädagogische Ausbildung der Lehrer.
Zudem wiederholte sie in diesem Zusammenhang ihr Angebot an die Länder
zum
Aufbau einer nationalen Bildungsagentur. "Sie muss die Einhaltung der
nationalen Bildungsstandards überprüfen, die in allen Ländern
gleichermaßen
verbindlich sind." Solche Einrichtung gebe es bereits in den bei PISA
erfolgreichen Ländern
Offensichtlich lernen deutsche Schüler in heterogenen Leistungsgruppen (Grundschulen) relativ gut. Nach der Aufteilung auf Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien sinkt das Niveau rapide - auf allen Leistungsstufen. Das wirft Fragen nach dem Sinn der Dreizügigkeit des deutschen Schulsystems auf.
IGLU zeigt, dass eine große Gruppe von Schülern gleichen Leistungsniveaus - je nach sozialem Status und Lernumfeld - Empfehlungen entweder für die Hauptschule oder fürs Gymnasium erhält. PISA bestätigt, dass es erhebliche Überschneidungen beim Leistungsniveau zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten gibt. Offenbar werden in der Sekundarstufe sozial bedingte Nachteile verstärkt. Notwendig sind daher einheitliche Kompetenzstandards, um Chancengleichheit herzustellen.
Die Fähigkeit der Lehrer, individuelle Stärken und Schwächen
von Schülern zu erkennen und gezielt zu beheben, sind schon in den Grundschulen
verbesserungsbedürftig. In den Sekundarstufen besteht hier offensichtlich
ein eklatanter Mangel, auf den die Lehrerbildung reagieren muss.