Datum: 24.10.2003

Autor: Das Interview führte Stefan Meile.
BERLINER ZEITUNG

 


Ein begeisterter Lehrer ist Gold wert
Der Pädagoge Norman Green über den kanadischen Weg von ganz unten zu einem Spitzenplatz beim Pisa-Test und was man in Deutschland jetzt tun müsste


Seit Sie 1996 den Carl-Bertelsmann-Preis für Ihren Anteil an der Entwicklung des weltweit innovativsten Schulsystems in Kanada erhielten, geben Sie international Kurse für ein Lernen, das auf die Anforderungen der Gegenwart angemessen reagieren soll. Was verstehen Sie darunter?
Wir alle müssen überlegen, was Demokratie ist. Dazu gehört, dass die Kinder in der Schulzeit lernen, Fragen zu diskutieren, die für sie und das Land wichtig sind. Zu lange erlebten die Schüler nur, dass der Lehrer vorn ihnen sagte, was sie zu tun hatten. Sie müssen aber erfahren, dass sie selbst für ihre Entscheidungen verantwortlich sind und es ihnen zugleich viel bringt, miteinander zu arbeiten.
Sollte es den Lehrer an der Tafel dann besser gar nicht mehr geben?
Buchstäblich Tausende Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass das Dozieren von der Tafel her die ineffizienteste Methode ist, Menschen zum Lernen zu bewegen. Das Kurzzeitgedächtnis speichert nur Informationen aus acht bis zehn Minuten Vortrag. Die Hirnforschung zeigt auch, dass wir am besten lernen, wenn wir über das gerade Erfahrene reden können. Daher sollten die Schüler nach einer Lektion des Lehrers besprechen können, worin sie bestand und welche Fragen sie aufwirrt. Man muss Schülern beibringen, wie man lernen kann, wie man Projekte organisiert, sich auf Wettbewerbe vorbereitet, Tests absolviert. Wir können sie motivieren, indem wir im Unterricht diese Wettbewerbssituation herstellen, sie aber zugleich individuell betreuen und an gemeinsamen Vorhaben arbeiten lassen.
Wie haben Sie und Ihre Kollegen das in Kanada durchgesetzt?
1982 wurde mein Schulbezirk Durham als der schlechteste in der Provinz Ontario eingestuft. Es gab zu wenig Geld für den Unterricht. Die Klassen waren mit bis zu 38 Schülern zu groß und die Lehrer waren ausgelaugt. Sie trafen auf Schüler, die sich vor allem für Musik und später auch für Computer interessierten und die zu Hause kaum noch lasen. Die Eltern nahmen immer weniger Einfluss auf ihre Kinder. Darauf stellten sich nur die wenigsten Lehrer ein. Wir entschieden daher, unser Geld in ihre Weiterbildung zu investieren. Bis Mitte der neunziger Jahre brachten wir ihnen bei, in Gruppen zu arbeiten, ihre Ergebnisse zu visualisieren und die Computertechnik zu nutzen.
In Deutschland denken viele, das Land sei zu arm geworden, um sich derartige Programme zu leisten.

Deutschland liegt, gemessen an den Bildungsausgaben in der EU, weder vorn noch hinten an. Nach meinem Eindruck verwenden die Deutschen überproportional viel Geld, um die Schulen zu verwalten und zu kontrollieren. Und in Deutschland zahlt der Staat noch für die Fortbildung - für die Lehrer ist sie gratis. In vielen Staaten, auch in meinem Land, müssen die Lehrer immer etwas zuzahlen.
Ist die Weiterbildung der Pädagogen nicht eine öffentliche Aufgabe, die auch aus öffentlichen Budgets bestritten werden sollte?
Der kanadische Staat hat dafür einfach zu wenig Geld. Wir mussten die Lehrer bitten, einen Beitrag zu ihrer Fortentwicklung zu leisten.

Wird das von allen akzeptiert?
Immer mehr. Ich erlebe heute, dass in einem Ort die Stadtverwaltung, die Sparkasse und die Lehrer zusammenlegen, damit Weiterbildungsexperten kommen. Wir glauben jetzt an das afrikanische Sprichwort, wonach man das ganze Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen - nicht nur die Schule. Die Pisa-Studie hat das bestätigt.
Wie haben sich die Schulreformen im Bezirk Durham ausgewirkt?
Sehr positiv. Seither ist die Jugendkriminalität markant gesunken, nach der Schule absolvieren mehr Schüler eine Hochschulausbildung. Einige Konzerne wie General Motors, BMW und Novartis haben große Niederlassungen in Durham gegründet, zum Teil ausdrücklich, weil unser Erziehungssystem für die Kinder der Angestellten gut sei. Die Bildung ist ein Standortfaktor geworden.
Welche Rolle haben dabei die Eltern?
Demokratische Schule heißt auch, die Eltern zu beteiligen. Vor allem in den Grundschulen lassen wir die Eltern ständig wissen, wie ihre Kinder vorankommen. Wir geben den Kindern am Wochenende Bücher mit nach Hause und bitten die Eltern, mit ihnen zu lesen.
In kanadischen Schulen kommen Kinder aus sehr unterschiedlichen Kulturen zusammen. Wie gelingt es, all diese Einflüsse zu integrieren?
Wir haben tatsächlich Schulen, in denen Kinder aus Elternhäusern mit 26 unterschiedlichen Sprachen zusammenkommen. Wie gehen wir damit um? Zum Beispiel übersetzen wir wichtige Dokumente in diese Sprachen, die Elternbriefe etwa, aber auch Teile des Schulstoffs. Außerdem haben wir Mittelspersonen für die jeweiligen Gruppen. Bei rund zweihunderttausend neuen Einwanderern pro Jahr haben wir keine andere Wahl.
In reichen Ländern wächst die Neigung, nur wohlhabende, hochspezialisierte Zuwanderer aufzunehmen.
Ja, auch Kanada hat lange die Upper class bevorzugt. Heute integriert Kanada auch arme Familien mit 12- oder 13-jährigen Kindern, die noch nie in einer Schule waren. Skeptischen Einheimischen rechnet die Regierung den wirtschaftlichen Beitrag der Immigranten vor. Und trotz der vielen Einwanderer erreichte Kanada in der Pisa-Studie hinsichtlich der Lese- und Rechenfähigkeiten den zweiten Platz.
Sind hier zu Lande ähnliche Erfolge möglich?
Ich war seit 1996 in Hunderten deutscher Klassenzimmer. Deutschland hat gute und schlechte Schulen - die ganze Bandbreite. Die meisten Lehrer wissen viel, die Schüler sind oft aufmerksam. Bei Fortbildungen lernen die Lehrer weit über ihre Arbeitszeit hinaus - sogar in einer fremden Sprache. Das wäre in Kanada nicht so. Die Bundesländer verfügen mit ihren Instituten für Bildungsforschung und Lehrerweiterbildung über eine der besten Infrastrukturen weltweit. Aber es muss klarer werden, was die Lehrer lehren sollen. Das beste Lernumfeld hilft nicht viel ohne ein solches Programm. Und wenn deutsche Lehrer gute Vorträge halten können, sollten sie das nicht aufgeben. Aber sie sollten den Unterricht abwechslungsreicher gestalten. Die Pisa-Studie zeigte, dass viele Kinder die Schule hassen, weil sie eintönig ist. Auch deshalb ist ein qualifizierter, begeisterter Lehrer Gold wert.

Zur Person:
Der Kanadier Norm Green unterrichtet Lehrer und Schulleiter in der Methode des kooperativen Lernens. Dabei zeigt er, wie man Schüler zur effektiven Arbeit in Gruppen bringt. Green arbeitet zusammen mit dem Internationalen Netzwerk innovativer Schulen der Berteismann-Stiftung.Durham Board of Education (Kanada)
Gewinner des Carl Bertelsmann-Preis 1996 zum Thema "Innovative Schulsysteme im internationalen Vergleich"
Link: ddsb.durham.edu.on.ca

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