Datum: 24.10.2003
Autor: Das Interview führte Stefan Meile.
BERLINER ZEITUNG
Wird das von allen akzeptiert?
Immer mehr. Ich erlebe heute, dass in einem Ort die Stadtverwaltung, die Sparkasse
und die Lehrer zusammenlegen, damit Weiterbildungsexperten kommen. Wir glauben
jetzt an das afrikanische Sprichwort, wonach man das ganze Dorf braucht, um
ein Kind zu erziehen - nicht nur die Schule. Die Pisa-Studie hat das bestätigt.
Wie haben sich die Schulreformen im Bezirk Durham ausgewirkt?
Sehr positiv. Seither ist die Jugendkriminalität markant gesunken, nach
der Schule absolvieren mehr Schüler eine Hochschulausbildung. Einige Konzerne
wie General Motors, BMW und Novartis haben große Niederlassungen in Durham
gegründet, zum Teil ausdrücklich, weil unser Erziehungssystem für
die Kinder der Angestellten gut sei. Die Bildung ist ein Standortfaktor geworden.
Welche Rolle haben dabei die Eltern?
Demokratische Schule heißt auch, die Eltern zu beteiligen. Vor allem in
den Grundschulen lassen wir die Eltern ständig wissen, wie ihre Kinder
vorankommen. Wir geben den Kindern am Wochenende Bücher mit nach Hause
und bitten die Eltern, mit ihnen zu lesen.
In kanadischen Schulen kommen Kinder aus sehr unterschiedlichen Kulturen
zusammen. Wie gelingt es, all diese Einflüsse zu integrieren?
Wir haben tatsächlich Schulen, in denen Kinder aus Elternhäusern mit
26 unterschiedlichen Sprachen zusammenkommen. Wie gehen wir damit um? Zum Beispiel
übersetzen wir wichtige Dokumente in diese Sprachen, die Elternbriefe etwa,
aber auch Teile des Schulstoffs. Außerdem haben wir Mittelspersonen für
die jeweiligen Gruppen. Bei rund zweihunderttausend neuen Einwanderern pro Jahr
haben wir keine andere Wahl.
In reichen Ländern wächst die Neigung, nur wohlhabende, hochspezialisierte
Zuwanderer aufzunehmen.
Ja, auch Kanada hat lange die Upper class bevorzugt. Heute integriert Kanada
auch arme Familien mit 12- oder 13-jährigen Kindern, die noch nie in einer
Schule waren. Skeptischen Einheimischen rechnet die Regierung den wirtschaftlichen
Beitrag der Immigranten vor. Und trotz der vielen Einwanderer erreichte Kanada
in der Pisa-Studie hinsichtlich der Lese- und Rechenfähigkeiten den zweiten
Platz.
Sind hier zu Lande ähnliche Erfolge möglich?
Ich war seit 1996 in Hunderten deutscher Klassenzimmer. Deutschland hat gute
und schlechte Schulen - die ganze Bandbreite. Die meisten Lehrer wissen viel,
die Schüler sind oft aufmerksam. Bei Fortbildungen lernen die Lehrer weit
über ihre Arbeitszeit hinaus - sogar in einer fremden Sprache. Das wäre
in Kanada nicht so. Die Bundesländer verfügen mit ihren Instituten
für Bildungsforschung und Lehrerweiterbildung über eine der besten
Infrastrukturen weltweit. Aber es muss klarer werden, was die Lehrer lehren
sollen. Das beste Lernumfeld hilft nicht viel ohne ein solches Programm. Und
wenn deutsche Lehrer gute Vorträge halten können, sollten sie das
nicht aufgeben. Aber sie sollten den Unterricht abwechslungsreicher gestalten.
Die Pisa-Studie zeigte, dass viele Kinder die Schule hassen, weil sie eintönig
ist. Auch deshalb ist ein qualifizierter, begeisterter Lehrer Gold wert.
Zur Person:
Der Kanadier Norm Green unterrichtet Lehrer und Schulleiter in der Methode des
kooperativen Lernens. Dabei zeigt er, wie man Schüler zur effektiven Arbeit
in Gruppen bringt. Green arbeitet zusammen mit dem Internationalen Netzwerk
innovativer Schulen der Berteismann-Stiftung.Durham Board of Education (Kanada)
Gewinner des Carl Bertelsmann-Preis 1996 zum Thema "Innovative Schulsysteme
im internationalen Vergleich"
Link: ddsb.durham.edu.on.ca