Datum:21.10.2003
Ressort: Berlin
Autor: Ulrich Paul
BERLINER ZEITUNG

 


Bei den Katholiken gibt s kein Sitzenbleiben mehr
In der Franziskus-Schule in Schöneberg lernen Hauptschüler und Gymnasiasten in einer Klasse

Schüler der katholischen St. Franziskus Schule in Schöneberg haben es gut.
Wer ab dem kommendem Schuljahr eine der vier siebten Klassen besucht, kann
bis zu seinem Schulabschluss nicht mehr sitzen bleiben. Möglich wird das
durch eine Änderung des Schulkonzepts.
Die Franziskus-Schule wird danach schrittweise zu einer Reformschule:
Schüler mit schlechten Noten werden nicht mehr bestraft, indem sie das
Schuljahr wiederholen müssen. Stattdessen erhalten sie eine stärkere
Förderung. "Das Kind in die Mitte", heißt der Kernsatz des Reformkonzepts,
sagte am Montag Hans-Peter Richter, Leiter des Dezernats für Schule,
Hochschule und Erziehung beim Erzbistum Berlin. Ziel sei nicht, die Schüler
zu verhätscheln, sondern jeden einzelnen nach seinen Fähigkeiten zu fordern
und zu fördern.

Mit dem neuen Modell ändert sich auch die Organisation der
Franziskus-Schule, die aus Grund- und Oberschule besteht. Gab es in der
Oberschule von der 7. bis zur 10. Klasse bisher Hauptschule, Realschule und
Gymnasium, wird es mit Beginn des nächsten Schuljahres keine Aufteilung in
die verschiedenen Schulzweige mehr geben. In jeder der vier siebten Klassen
werden Schüler mit Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialempfehlung gemeinsam
lernen. "Schüler, die nicht so schnell mitkommen, werden gesondert
unterstützt", sagt Schulleiter Peter Schaumann. Nur in Ausnahmefällen sollen
Schüler die Klasse künftig wiederholen. Zum Beispiel, wenn sie wegen einer
Trennung der Eltern in den Leistungen stark nachgelassen haben und für ihr
Abschlusszeugnis bessere Noten bekommen wollen.

Auch beim Stundenplan unterscheidet sich die Reformschule von den
herkömmlichen Angeboten. So sieht die Stundentafel der siebten Klasse vor,
dass es in Hauptfächern wie Deutsch, Englisch und Mathematik künftig nur
drei statt vier Wochenstunden gibt. Stattdessen gibt es Stunden, in denen
Lerntechniken unterrichtet werden und Wochenarbeitspläne aufgestellt werden.
Außerdem sind pro Schuljahr abhängig vom Alter der Schüler vierwöchige
Projekte geplant. Das können Bildungsreisen zu Partnerschulen sein oder
Erkundungen in der Umgebung der Schule, sagt Schaumann. Damit die Schüler
auch praktische Arbeiten machen können, werde überdies eine Schreinerei an
der Schule eingerichtet. Der Arbeitsaufwand für die Lehrer wird durch das
neue Modell etwas höher, weil sich die Pädagogen stärker abstimmen müssen,
sagt Schaumann. Die Zeit für die Förderstunden muss die Schule jedoch nicht
teuer erkaufen. Sie gewinnt diese, indem die normalen Schulstunden von 45
auf 40 Minuten reduziert werden.

Bei den Schülern kommt das Modell gut an. "Die Idee ist gut", sagt
Schülersprecher Markus Tozmann. Die Gefahr, dass sich Schüler nicht mehr
anstrengen, weil sie nicht mehr sitzen bleiben können, sieht er nicht. Denn
die Schüler müssten nach dem neuen Modell Verträge mit bestimmten
Lerninhalten erfüllen.


Privater Vorreiter // Die St. - Franziskus-Schule an der Hohenstaufenstraße 1-2 in Schöneberg ist eine Freie Schule in Trägerschaft des Erzbistums Berlin. Sie vereint Grund- und Oberschule (mit den Zweigen Haupt-, Realschule, Gymnasium von der siebten bis zur zehnten Klasse). Die Schule hat 750 Schüler, die aus mehr als 25 Nationen kommen.

An dem Reform-Modell arbeiteten Schule und Erzbistum bereits seit 1996. Eltern sowie Industrie- und Handelskammer wurden beteiligt.

Eingeführt wird das Modell für die siebten Klassen ab Schuljahr 2004/2005. An den späteren Abschlüssen (Hauptschul- oder Realschulabschluss, Übergang zur gymnasialen Oberstufe) ändert sich nichts.

 

 

zurück