Datum: 30.04.2003
Ressort: Politik
Autor: Torsten Harmsen
BERLINER ZEITUNG
BERLIN, 29. April. "In einigen Jahren könnte das Sinus-Programm ein
Symbol für den Wiederaufstieg des deutschen Schulwesens sein", sagt
Uwe Thomas, Staatssekretär im Bundesbildungsministerium. Gemeint ist das
Modellprogramm Sinus, das am Dienstag während einer Tagung in Berlin vorgestellt
wurde.
Aufgelegt wurde das Programm vor genau fünf Jahren. Damals hatte die internationale
Studie TIMSS festgestellt, dass deutsche Schüler der achten Klasse mit
ihren Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften nur im hinteren Mittelfeld
liegen. Man sprach von einem Schock, lange vor Pisa. Die Bund-Länder-Kommission
für Bildungsplanung (BLK) beauftragte daraufhin eine Gruppe um Jürgen
Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, die Grundlagen für
ein Modellversuchsprogramm zu erarbeiten. Es startete im Schuljahr 1998/99 und
sollte den Unterricht in Deutschland entscheidend verbessern helfen.
Bisher flossen 13,3 Millionen Euro hinein. Bundesweit nahmen 180 Schulen aus
15 Ländern teil. Diese stellten nun in Berlin zum ersten Mal ihre Modelle
vor. Sie reichen vom Lernen in Gruppen, über selbstständiges Experimentieren
bis zum Vernetzen von Unterrichtsinhalten. Wie sich das konkret auswirkt, zeigten
Schülerinnen aus Baden-Württemberg. Sie lösen mathematische Probleme
aus dem Alltag im Team, sie schreiben mathematische Aufsätze, um Zusammenhänge
zu verstehen, und üben das Beschreiben und Erklären, statt auswendig
zu lernen. Das selbstständige, problemorientierte Lernen ist international
in jenen Ländern verbreitet, die auch in der Pisa-Studie sehr gut abgeschnitten
haben. Der Bildungsforscher Jürgen Baumert stellte fest, dass alle am Programm
beteiligten deutschen Schüler die vorgegebenen Aufgaben besser als erwartet
erfüllen. Nun will man ihnen auch die Aufgaben der Pisa-Studie 2003 stellen,
um nachzuweisen, dass die Sinus-Schulen durchaus international mithalten können.
Bisher sind nur 180 von 39 000 deutschen Schulen am Programm beteiligt. Bund
und Länder hatten bereits vereinbart, es auf tausend Schulen auszuweiten.
Der Bund will weiteres Geld dafür bereitstellen. Aber einige Länder
sind noch nicht bereit, ihren Anteil gegenzufinanzieren. Außerdem haben
einige Unionsländer angekündigt, sich ganz aus der gemeinsamen Bildungsplanung
zurückzuziehen. Staatssekretär Uwe Thomas sprach von "kurzsichtigem
Provinzialismus". Die Unterrichtsreform über Deutschland zu verbreiten,
könne nur eine gemeinsame Aufgabe sein.