Datum: 26.06.2002
Ressort: Lokales
Autor: Thorkit Treichel
BERLINER ZEITUNG


Selbst die SPD reagiert skeptisch auf Bögers Pläne
Den Fraktionen geht die Schulreform nicht weit genug


Senator Klaus Böger (SPD) hat beim Thema Schulzeitverkürzung die meisten Parlamentarier auf seiner Seite. Lediglich die Grünen lehnen ein Abitur nach 12,5 Jahren ab. CDU und FDP wollen ohnehin eine Verkürzung auf zwölf Jahre. Auf Skepsis stößt jedoch der Beschluss des Senats, ab der dritten Klasse mit dem Unterricht der ersten Fremdsprache zu beginnen.
So befürchtet der schulpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Uwe Goetze, dass in Klassen mit einem hohen Ausländeranteil Schülerinnen und Schüler überfordert sind, die Deutsch nicht ausreichend beherrschen. "Das sind in den Innenstadtbezirken immerhin zwei Drittel. Wenn sie neben Deutsch auch noch Englisch lernen sollen, führt das zu totalem Frust und völliger Demotivierung", sagt er. "Wir müssen erst mal das Problem mit der deutschen Sprachkompetenz lösen. " Als Konsequenz aus der Pisa-Studie fordert die CDU "die Einführung von Vergleichsarbeiten ab der siebten Klasse". Das hieße, dass zum Beispiel alle Schüler der siebten Klasse in Berlin dasselbe Diktat schreiben. Diese Arbeiten sollten aber nicht benotet werden, weil die Leistungsunterschiede zwischen den Schulen zu groß seien. Daher mache ein von Böger vorgeschlagenes Zentralabitur erst Sinn, wenn das Niveau vergleichbar sei.
SPD-Auch die SPD-Fraktion reagiert mit Skepsis auf das Zentralabitur, das der Schulsenator zunächst in Deutsch, Mathe und der ersten Fremdsprache einführen will. Statt der Lehrer soll künftig das Landesschulamt Lehrplan und Klausurthemen einheitlich festlegen. Die schulpolitische Sprecherin, Felicitas Tesch, sagt, dass zunächst geklärt werden müsse, wie eng die inhaltlichen Vorgaben sein sollen. In Hinblick auf eine Fusion solle sich Berlin außerdem mit Brandenburg abstimmen. Mangelnde Deutschkenntisse vieler Schüler seien jedoch das größte Problem. In den Grundschulen müssten mehr Förderkurse angeboten werden, ab der zweiten Klasse gebe es ab nächstem Schuljahr eine zusätzliche Stunde Lesen.
Bündnis 90 - Der rot-rote Senat hat nichts aus der Pisa-Studie gelernt, meint der Schulexperte der Grünen, Özcan Mutlu. "Permanenter Unterrichtsausfall, überalterte Kollegien, Kürzungen von Lehrerstellen und Fördermitteln für sozial schwache Bezirk, mangelnde Ausstattung: das sind die Gründe für das schlechte Abschneiden Berlins bei der Pisa-Studie", sagt er. "Auch die Reform der gymnasialen Oberstufe löst die Probleme nicht. " Böger solle sein Augenmerk vielmehr auf Kita und Grundschule richten. Die Grünen lehnen Kürzungen im Kita-Bereich ab und fordern die "gezielte Förderung von Schulen in Problemquartieren", den Ausbau von Ganztagsangeboten, kleinere Klassen. Mutlu warnte vor einem "föderalen Erbsenzählen in der Schulpolitik". Bayern könne kein Vorbild sein. Allein das Zentralabitur sorgt noch nicht für gute Schulergebnisse.
PDS - Die vom rot-roten Senat geplanten Kürzungen in den Kitas sind für die PDS-Fraktion ein Problem, räumt deren schulpolitische Sprecherin Siglinde Schaub ein. Denn bereits dort müsse mit der individuellen Sprachförderung begonnen werden, um die Chancen für sozial benachteiligte Kinder zu erhöhen. Immerhin habe die Koalition beschlossen, vom kommenden Schuljahr an die ersten beiden Klassen zusammenzufassen. "Kinder, die den Stoff schneller durchlaufen, können schon nach einem Jahr in die dritte Klasse wechseln. " Und wer länger brauche, habe die Möglichkeit, noch ein drittes Jahr in der so genannten "flexiblen Schuleingangsphase zu bleiben", ohne dass das zusätzliche Jahr angerechnet werde. Das Abitur nach 12,5 Jahren sei "ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Scheub, "aber noch nicht der große Reformwurf".
FDP - Das findet auch die schulpolitische Sprecherin der FDP, Mieke Senftleben. "Ein Abi nach 12,5 Jahren bringt noch nicht für alle einen Zeitgewinn. " Die meisten Studienanfänger seien auf die Zentrale Vermittlung von Studienplätzen (ZVS) angewiesen und könnten weiterhin ihr Studium erst zum Wintersemester aufnehmen, da die ZVS die Plätze im Januar zuweist und die Schulzeit nach 12,5 Jahren erst Ende März endet. Um auf eine Dauer von zwölf Jahren bis zum Abitur zu kommen, müssten die Schnellläuferklassen ausgebaut und mehr Oberstufenschülern die Möglichkeit eingeräumt werden, eine Klasse zu überspringen. Schulsenator Böger habe kein Gesamtkonzept. Er müsse auch sagen, was er in den Grundschulen und Kitas zu tun gedenke. In letzteren will die FDP drei Stunden Sprachkurs in der Woche anbieten. (tt. )

zurück