Datum: 22.06.2002
Ressort: Wirtschaft
Autor: Thorsten Knuf
BERLINER ZEITUNG

 

Wirtschaft fordert radikale Bildungsreform
Spitzenverbände sorgen sich um Standort Deutschland


BERLIN, 21. Juni. Wenige Tage vor Veröffentlichung der Bundesländer-Studie im Rahmen des internationalen Bildungsvergleichs Pisa hat die deutsche Wirtschaft tief greifende Reformen des Bildungswesens angemahnt. Das mittelmäßige Schulsystem der Bundesrepublik stelle eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland dar, warnten die Präsidenten der Spitzenverbände von Industrie und Handwerk, Michael Rogowski und Dieter Philipp, in Gesprächen mit der "Berliner Zeitung". Auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sowie der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun, plädierten für verbindliche Bildungsstandards sowie zentralisierte Abiturprüfungen. Die Länderstudie soll am 27. Juni veröffentlicht werden. In den vergangenen Tagen war es bereits zu erheblichem Streit zwischen CDU/CSU und SPD gekommen, da in der Studie die unionsgeführten Ländern offenbar besser als die SPD-regierten abgeschnitten haben.
Rogowski sagte, Pisa habe "eine Ahnung in Wissen verwandelt". Deutschland sei dabei, "eine traditionelle Stärke aufs Spiel zu setzen: die Ausbildung junger Menschen". Für eine durchschlagende Schulreform brauche es Mut zu innovativen Wegen. "Dazu sollte auch eine leistungsorientierte Vergütung von Lehrern gehören sowie mehr Selbstverantwortung der Bildungseinrichtungen." Von den Politikern erwarte er, dass sie sich gemeinsam auf die Suche nach den besten Wegen in der Bildungspolitik begeben, "anstatt sich Slogans für die Wahlkampagnen auszudenken".
Nicht ausbildungsfähig
Hundt begrüßte, dass nun "endlich wieder auf breiter Ebene über Bildungsfragen diskutiert wird". Nach seiner Einschätzung geht aus der Pisa-Studie hervor, dass im internationalen Vergleich Schulsysteme mit klaren und verbindlichen Leistungsstandards besser abschneiden als solche mit unklarem Profil. Deshalb sei es richtig, dass die Kultusminister nun gemeinsame Standards erarbeiten wollen. "Am Ende dieses Weges müssen dann auch zentrale Abschlussprüfungen stehen", forderte Hundt.
Nach Ansicht von DIHK-Präsident Braun ist überdies zwingend notwendig, dass an den Gymnasien die "Kernfächer Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften bis zum Abitur gelehrt werden". Ferner bedürfe auch die Lehrerausbildung einer Reform. Notwendig seien Praktika und Praxissemester, eine Verpflichtung zur Weiterbildung und die "Abschaffung des Beamtenstatus für Lehrer".
Handwerkschef Philipp sagte, seine Branche beklage seit langem "die Lücken in der schulischen, vorschulischen und elterlichen Erziehung". Rund 15 Prozent der Schulabgänger seinen "nicht ausbildungsfähig, weil sie die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen nicht mehr in ausreichendem Maße beherrschen". Um die Qualität des Bildungssystems zu verbessern, müssten Kindertagesstätten zu Bildungs- und Erziehungsstätten umgewandelt werden. Außerdem seien mehr Ganztagsangebote und mehr Wettbewerb zwischen den einzelnen Schulen notwendig.

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