Berliner Zeitung
Montag, 18. August 2003
Kommentar Harald Jähner
Ein jedes Elternteil träumte gewiss schon diesen Traum: Es erklärt
dem Kind wenn schon nicht die Welt, dann wenigstens, wie ein Fernseher funktioniert,
warum die Blume ihre Blüten schließt, was passiert, wenn es frühmorgens
taut oder warum acht minus zehn minus zwei ergeben. Und das Kind, es hört
mit leuchtenden Augen zu, stellt Verständnisfragen, hakt aufmerksam nach
und saugt begierig immer neue Erläuterungen auf. Die Vorstellung von einem
fröhlich lernenden, neugierigen Kind gehört zu den schönsten
Bildern, die man sich von der Menschheit machen kann.
In Wirklichkeit sagt das Kind: "Will nix hören", sobald man ihm
mit Erklärungen kommt. Es zieht die unwilligste Miene, die nur möglich
ist, man spürt förmlich, wie sich die Ohren verstopfen und die gesamte
Hirntätigkeit mit einem Schlag ins Stocken gerät. Traut es sich nicht,
einfach zu verschwinden, macht das Kind bei Fortgang der elterlichen Lehrversuche
die seltsamsten Verrenkungen. Es windet sich unter körperlich schmerzhafter
Langeweile. Es zieht sinnlos an seinen Ohren oder am großen Zeh. Bald
macht das Kind, während Vater und Mutter es schlauer zu machen suchen,
ein so kleinverständiges Gesicht, als würde seine Entwicklung infolge
der Förderungsversuche in rasender Eile rückwärts verlaufen.
Jetzt kommt der Moment, wo die Eltern in Panik verfallen, vor allem dann, wenn
ihr Kind in der Schule ohnehin schon Schwierigkeiten hat, wenn es Sorgen bereitet.
Schnell fällt nun ein gereiztes Wort oder gar ein Hieb auf den verstockten
Schädel. Die Eltern sind gekränkt, vor allem von der Wirklichkeit.
Sie fühlen: Nicht das Kind versagt, sondern wir sind es. Offensichtlich
machen sie alles falsch, aber wie es besser ginge, das steht nicht mal in den
Sternen. Wiederholt sich diese Szene später mehrfach, kann man den Gedanken
an eine Schulkarriere des Nachwuchses vergessen.
Heute, beim ersten Schulweg nach den Ferien, blicken viele Eltern ihren Kindern
mit Sorge hinterher. Sie sollten wissen: In Fragen des harten Lernens ist noch
die schlechteste Schule besser als das Elternhaus. Gerade jene Eltern, die sich
gerne als die besten Freunde ihrer Kinder sehen, sind zum Lehren ungeeignet,
denn das Kind kann ihnen den plötzlichen Rollenwechsel nicht nachsehen.
Die ganze Gleichberechtigungsideologie fällt in sich zusammen, sobald Vater
als Welterklärer posiert.
Im Verlauf eines Schülerlebens wird das Lernen diszipliniert, organisiert
und spezialisiert wie Berufsarbeit. Ein intaktes Elternhaus ist für Kinder
ein Hort der Freizeit und Entspannung, genau wie für die Großen.
Dass die Schulaufgaben die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit regelmäßig
verwischen, macht die Kindheit für viele Kleine so schwer, unabhängig
davon, wie viel Zeit sie dafür aufwenden. So unentfremdet ist Schularbeit
schon lange nicht mehr, dass wir unseren Kindern wie selbstverständlich
zumuten können, wozu unter den Erwachsenen nur die wenigsten in der Lage
sind: Freizeit und Arbeit unter einem Dach zu organisieren oder zu Hause noch
Akten aus dem Büro zu studieren. Ganztagsschulen, die Ausnahme unter den
Schultypen, haben den großen Vorteil, dass sie Haus und Schule, Freizeit
und Arbeit sauber trennen.
Natürlich ist auch das Gegenextrem, die Gleichgültigkeit mancher Eltern
gegenüber den Schulleistungen, erschreckend. Ohne Rat, ohne Nachhaken,
ohne Druck und Kontrolle von Seiten der Eltern kommen nur wenige Kinder in der
Schule zurecht. Aber auch nicht ohne den Schutz der Eltern, ohne ihre Anerkennung
und ohne ihr Verständnis. "Man lernt nicht für die Schule, sondern
für das Leben" - das dröhnt sich so leicht dahin. Angesichts
der tückischen Bedienungsfreundlichkeit des modernen Daseins auf der Benutzungsoberfläche
ist dieser Satz kaum mehr als eine Propagandaphrase. Was ist unter der modernen,
tricksenden Medienwelt des PCs? In ihrer kleinteiligen Komplexität übersteigt
die Welt als Ganzes jedes Begriffvermögen. Hinzu kommt die Blasiertheit,
zu der alle Jugendkulturen anhalten und erst ganz am Schluss die geringen Leistungen
der Pädagogik.
Mehr als je zuvor braucht ein junger Mensch Selbstvertrauen, um zu sagen: "Ich
will etwas lernen." Das Erschreckende ist: Es sind nicht nur die Dümmsten,
die das nicht wollen.
Kind zu sein ist unendlich viel schwieriger, als erwachsen zu sein. Eltern,
die diese Grundeinsicht eine Schulzeit hindurch beherzigen, auch beim Mahnen,
können so viel nicht mehr falsch machen.